Ausstellung / Wolfsburg: Auf der Spitze des Eisbergs - Neue Fotografie aus Finnland
Montag, 26. Januar 2009Eine Ausstellung vom 31.01.2009 – 24.04.2009 im Kunstmuseum Wolfsburg.
Ola Kolehmainen, Are You talking to Me, 2007, Analoger C-Print, Diasec, Ed. 6, 2-teilig, 256 x 395 cmDie dem Norden eigentümliche Stille und Melancholie spricht aus den Fotografien der Helsinki School, einer Gruppe von Künstlern, die an der University of Art and Design in Helsinki gelehrt oder studiert haben. Die schroffen Landschaften Finnlands mit ihren rauen klimatischen Bedingungen haben einen eigenen Kultur- und Mentalitätsraum bedingt, der sich heute in den konzeptuell ausgerichteten Bildwelten dieser jungen Fotografengeneration widerspiegelt. Die Ausstellung mit 89 Arbeiten von sechs Künstlern lädt zu einer sinnlich dichten Reise durch dieses Kunstgelände ein: Sie beginnt mit den Reflexionen über Räume und Architektur von Pertti Kekarainen und Ola Kolehmainen und führt über Pernilla Zettermans subtile Untersuchungen familiärer Prägungen zu den intimen Innenwelten, die Anni Leppälä mittels der Fotografie festzuhalten versucht. In den langfristig angelegten Projekten von Joakim Eskildsen und Tiina Itkonen schließlich geht es nicht nur um die Frage, wie Menschen leben: Wenn Tiina Itkonen Eskimos und deren Dörfer im Nordwesten Grönlands fotografiert und Joakim Eskildsen die Kultur der Roma verschiedener Länder untersucht, dann zeigen die Künstler mit ihren Fotografien, was diese Menschen prägt, was sie bewegt und welche Hoffnungen sie haben.
Mit der Ausstellung Auf der Spitze des Eisbergs. Neue Fotografie aus Finnland präsentiert das Kunstmuseum Wolfsburg eine Auswahl aus dem reichen Kosmos fotografischer Bildfindungen, den die Helsinki School geschaffen hat und kristallisiert dabei innerhalb der großen Bandbreite an inhaltlichen Fragestellungen und Konzepten drei thematische Komplexe heraus:
Bei den Arbeiten von Pertti Kekarainen und Ola Kolehmainen geht es um Wahrnehmung von Architektur. Nicht zufällig beginnt die Ausstellung mit den beiden Werkgruppen Opening und Passage aus Pertti Kekarainens TILA-Serie, in der die Sujets des Fensters und der Glastür im Mittelpunkt stehen. Kekarainen nutzt das fotografische Bild als ein Medium, dessen Möglichkeit Räume abzubilden erst den Zugang zu komplexeren Raumerfahrungen schafft: Es werden spannungsvolle Situationen erzeugt, in denen die gegenseitige Durchdringung von Perspektiv- und Farbräumen über die Fläche des Bildes gelingt.
Auch Ola Kolehmainens Interesse am fotografischen Bild ist durch architektonische Motive geprägt. Der Ausschnitt eines Gebäudes wird im Bild transformiert: Perspektivische Verzerrungen und Spiegelungen erzeugen eine eigene Bildlichkeit, die das Gebäude, das als Vorlage gedient hat, in den Hintergrund treten lässt.
Anni Leppälä und Pernilla Zetterman rücken ihre Biografien in das Zentrum ihrer Arbeit: Hier wird die Kamera sowohl zum Instrument, um über Erinnerungen und Befindlichkeiten die eigene Persönlichkeit auszuloten, als auch zum zentralen Medium, um mit der sozialen Umgebung in Verbindung zu treten. Ausgehend vom »Aspekt des verlorenen Moments« und dem »Gefühl des Dahingehen-Lassens«, erforscht Anni Leppälä den Raum zwischen dem Momentanen und dem Konstanten. So kreisen ihre Arbeiten um Kindheitserinnerung und um das Museum als Ort der Aufbewahrung sowie der Verlebendigung des Aufbewahrten.
Ganz auf die eigene Erfahrungswelt konzentriert ist das Werk der schwedischen Künstlerin Pernilla Zetterman. In der Serie When widmet sie sich Verhaltensmustern, Obsessionen und der Frage nach der Prägung von Identität durch das familiäres Umfeld. In der Serie Ground Rules hingegen analysiert sie Haltung, Bewegung und andere Arten von Konditionierung, wie sie für die Ausübung einer Sportart üblich ist. Die Künstlerin deckt dabei die Mechanismen auf, die automatisch ablaufen wenn Bewegung oder Haltung gelehrt, gelernt und weitergegeben werden.
Am Schluss der Ausstellung öffnet sich der Blick auf ein Thema, das neben der Zerbrechlichkeit des Einzelnen die Zerbrechlichkeit dessen vorführt, was uns erlaubt zu leben: Gemeinsam mit seiner Frau, der schwedischen Autorin Cia Rinne, hat Joakim Eskildsen Roma in sieben Ländern aufgesucht. Die Aufnahmen, die Eskildsen auf seinen Reisen machte, gewähren Einblicke in die Lebensgemeinschaften dieser gesellschaftlichen Minderheit und zeugen von Lebensbedingungen zwischen bitterster Armut und erkennbarem Wohlstand. Vor allem aber zeigen sie die Menschen in ihrer Würde, unabhängig von Land, Sprache und Umfeld.
Auch Tiina Itkonen hat sich für ihr bislang umfangreichstes Projekt auf Reisen begeben. Seit 1995 kehrt sie immer wieder nach Grönland zurück, um ihr Leben mit den Eskimos zu teilen und den Wandel der Jahreszeiten festzuhalten, der das Leben der Bevölkerung maßgeblich prägt. Dabei weisen Itkonens Bilder weit über das Dokumentarische hinaus. In ihrer Ausgewogenheit und Sensibilität lassen sie erahnen, wie hier, am Rande der bewohnten Welt, der Mensch ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist.
Die Ausstellung steht in der Folge der länderspezifischen Fotografieausstellungen des Kunstmuseum Wolfsburg wie Brasilianische Fotografie 1946-1998 (1999/2000), Die Chinesen: Fotografie und Video aus China (2004/2005) und Japanische Fotografie der Gegenwart (2007/2008).
Als ausstellungsbegleitender Kalalog ist die Publikation Helsinki School. New Photography from TaiK in deutscher Übersetzung mit dem Titel Helsinki School. Neue Fotografie aus Finnland erschienen. Diese Publikation mit Texten von Andrea Holzherr wurde um ein Vorwort von Prof. Dr. Markus Brüderlin, eine Einführung in die Ausstellung von Dr. Holger Broeker sowie das Verzeichnis der ausgestellten Werke erweitert.
Hatje Cantz Verlag, 240 Seiten, 187 Farbabbildungen, Museumspreis: € 32,-
Kunstmuseum Wolfsburg
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38440 Wolfsburg
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