Ausstellung / Fotokunst / Berlin: Erwin Blumenfeld - Dada-Montagen 1916 – 1933
Freitag, 27. Februar 2009Die Ausstellung in der Berlinischen Galerie läuft noch bis zum 1. Juni 2009.
„In Wahrheit war ich nur Berliner“
Die von Helen Adkins kuratierte Ausstellung widmet sich erstmals umfassend dem Montagewerk Erwin Blumenfelds. Die Auswahl von rund 50 Montagen und 30 Fotografien stammt mehrheitlich aus dem Nachlass des Künstlers in Paris und Cambridge (GB), aus der Sammlung der Berlinischen Galerie und aus Privatbesitz. Die Ausstellung ist thematisch gegliedert: Selbstporträts, Schönheit und Vergänglichkeit, echtes und falsches Heldentum, die politischen Machtverhältnisse in Deutschland, utopische Großstadtvisionen. Zentrale Figuren sind, Charlie Chaplin, der Boxer und erste schwarze Weltmeister im Schwergewicht Jack Johnson, Wilhelm II. und Hitler.
Die Ausstellung basiert auf Helen Adkins Blumenfeld-Monografie von 2008.
Eine universale Persönlichkeit – Erwin Blumenfeld (1897-1969)
Erwin Blumenfeld hat für die Nachwelt sein Selbstbild festgeschrieben: im autobiografischen „Einbildungsroman“ sein bewegtes Leben und im Auswahlband „Meine 100 besten Fotos“ sein fotografisches Werk. Zwischen dem rebellischen Anarchisten und dem berühmten Porträt- und Modefotografen ist jedoch der Dada-Monteur für lange Zeit in einer Grauzone verschwunden. Blumenfeld hat kaum jemals an Ausstellungen teilgenommen, und seine Abwehrhaltung gegenüber dem Kunstbetrieb blieb lebenslang konstant. Die jetzige Entdeckung des frühen Montagewerks und dessen Verknüpfung mit dem umfangreichen Briefwechsel, den literarischen Skizzen und den fotografischen Arbeiten ergeben nun die eindrucksvolle Kontur eines modernen Uomo universale, der Kunst, Wissenschaft und Leben zwanglos miteinander verbunden hat.
Ein bewegtes Leben
Die Jugendjahre des 1897 in Berlin geborenen Erwin Blumenfeld sind dramatisch. Der Tod des Vaters 1913 an Syphilis, der finanzielle und gesellschaftliche Bankrott der Familie, der Verrat seiner gescheiterten Fahnenflucht im Ersten Weltkrieg durch die Mutter und der Verlust des Bruders bei Verdun erschüttern unwiderruflich Blumenfelds Auffassung von der Welt. Bereits 1918 zieht er nach Amsterdam zu seiner zukünftigen Ehefrau, Lena Citroen, der Kusine seines Jugendfreundes Paul Citroen. 1923 eröffnet er dort einen Handtaschen- Laden, dessen Bankrott 1933 mit Hitlers Wahlsieg einhergeht. Blumenfeld, der seit seinem zehnten Lebensjahr mit der Kamera experimentiert, versucht sich nun als Berufsfotograf zu etablieren. 1935 zieht er nach Paris und schafft es, auch durch die Unterstützung des Fotografen Cecil Beaton, in der Modewelt Fuß zu fassen. Nach einer zweijährigen Odyssee durch französische Internierungslager emigriert Blumenfeld 1941 nach New York. Rasch avanciert er zum hoch angesehenen und bestbezahlten Modefotografen. Er gestaltet zahlreiche Titelseiten für die Magazine Harper’s Bazaar, Vogue und Cosmopolitan. 1955 macht er sich in seinem Studio am Central Park selbständig. Er stirbt 1969 in Rom und ist dort begraben.
Berliner Bohème und Dada
Im spätwilhelminischen Berlin bewegt sich der junge Blumenfeld zwischen dem Untergang Preußens und den Verlockungen der Avantgarde. Er ist mit Paul Citroen und Walter Mehring, die als Maler und Dichter Anerkennung finden, eng befreundet. So verkehrt er in Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“ und im „Café Größenwahn“, wo er die Dichterin Else Lasker-Schüler kennen lernt. Mit George Grosz verbindet ihn eine lebenslange Freundschaft.
Die unbekannten Dada-Montagen
Die zwischen 1916 und 1933 entstandenen Montagen haben den widersprüchlichen Charakter intimer Tagebuchaufzeichnungen und populärer Filmexposés. Relikte aus den Bereichen Theater, Kino, Kunst, Literatur werden mit Fragmenten des Alltags durchsetzt. Ihren Dada-Charakter gewinnen die Montagen durch die spöttische bis zynische Grundhaltung eines anarchistischen Individualisten. Von struktureller Bedeutung ist überdies eine durch Meyers Konversationslexikon und Büchmanns „Geflügelte Worte“ geweckte Neugier auf die Welt und die Neigung, diese Welt in Aphorismen und Zitate zu zergliedern. Otto Weiningers Theorien prägen Blumenfelds Montagen ebenso wie Strindbergs Verteufelung des „Weibes“, doch die leidenschaftliche Anbetung des anderen Geschlechts ist unübersehbar. Ein zentraler Wesenszug der Montagen ist ihr großer Ich-Anteil und dessen Leitmotiv – das im gesamten Werk auftretende geteilte Gesicht. Seine Komposition folgt Weiningers These der menschlichen Androgynität, dem Doppelgängermotiv der Romantik und dem Verlangen, die engen Grenzen des eigenen Ich zu sprengen.
Ein einzigartiger Fotokünstler
Technisch geht das manuelle Montageprinzip 1933 in die chemischen Prozesse der fotografischen Entwicklung über. Blumenfelds Montagedenken aber bleibt: Ausschneiden, Übereinanderlegen, Versetzen, Hinzufügen und neu Kombinieren sind auch die Wesenszüge seiner Fotografie. In New York wird Blumenfeld zum gefeierten Starfotografen, der die wesenhafte Ausstrahlung und vergängliche Schönheit seiner Modelle mit der Kamera festhält.
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