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Austellung / Berlin: ROTHKO / GIOTTO - Die Berührbarkeit des Bildes

Dienstag, 10. Februar 2009

Die Ausstellung in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin läuft noch bis zum 03.03.2009.

Diese Ausstellung wird veranstaltet von der Gemäldegalerie, SMB und der Nationalgalerie, SMB in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Institut in Florenz (Max-Planck-Institut), dem Italienischen Kulturinstitut in Berlin und Daimler Contemporary Berlin.

Mark Rothko (1903-1970), Reds no. 5, 1961, Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie

Mark Rothkos Leinwand Reds no. 5 ein Werk aus der Sammlung der Neuen Nationalgalerie ist in der Gemäldegalerie zu Gast. Eine Ausstellung, die sich dank der reichen Sammlungsbestände der Staatlichen Museen zu Berlin in wohl einmaliger Weise realisieren lässt, präsentiert das Gemälde Rothkos gemeinsam mit zwei Werken der spätmittelalterlichen Goldgrundmalerei, der Kreuzigung und der Dormitio Virginis des toskanischen Malers Giotto di Bondone. Ziel der Ausstellung ist die Eröffnung neuer Perspektiven auf der Suche nach den künstlerischen Konzepten, die dem Werk Rothkos (1903- 1970), einem Protagonisten der New York School of Painting und Hauptvertreter des abstrakten Expressionismus, zugrunde liegen.

Das Konzept der Ausstellung geht auf Gedanken Mark Rothkos zur Malerei zurück, die dieser in den späten 1930er Jahren unter dem Titel The Artist’s Reality handschriftlich fixierte. In dem postum durch seinen Sohn Christopher Rothko edierten Text setzt sich der Künstler intensiv mit der frühen italienischen Malerei auseinander, die er erst später, anlässlich dreier Europareisen in den Jahren 1950, 1959, 1966 in situ kennenlernen sollte. Während die erste Reise Rothko und seine zweite Frau Mell Beistle nach Venedig, Florenz, Arezzo, Siena und Rom führte, stand am Anfang der zweiten, gegenläufigen Reise (1959) der italienische Süden: Auf Neapel, Pompeji, Paestum, Rom und Tarquinia folgten Venedig und Florenz. In Florenz sah Rothko die Malereien Fra Angelicos im Kloster San Marco. Die Reise erfolgte mit der expliziten Absicht, zur Vorbereitung auf die zum damaligen Zeitpunkt geplanten Gemälde für das von Philip Johnson eingerichtete Restaurant Four Seasons im ersten Stock des Seagram Building Mies van der Rohes in New York die großen Zyklen der italienischen Wandmalerei kennen zu lernen. Die dritte Reise im Jahr 1966 begann in Rom und führte Rothko erstmals nach Spoleto und nach Assisi, zu den monumentalen Wandbildern Cimabues und Giottos. Während seines römischen Aufenthalts lebten er und seine Familie bei der Galeristin Carla Panicali und ihrem Mann Carlo Battaglia. Aus dieser Zeit sind zahlreiche abendliche Diskussionen überliefert, in denen sich die beiden Künstler als Anhänger Piero della Francescas (Battaglia) und Fra Angelicos einen spielerischen Schlagabtausch lieferten1.

Giotto di Bondone (1264-1337), Kreuzigung Christi, ca. 1315, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Mit dem Werk Giottos hatte sich Rothko, der nach einer surrealistischen Phase in den späten 30er und frühen 40er Jahren und der Desillusionierung angesichts der Realität des Zweiten Weltkrieges nach neuen Ausdrucksformen suchte, bereits zuvor, anhand der kunsthistorischen Literatur, auseinandergesetzt, und die beiden für sein eigenes Werk grundlegenden Konzepte „tactiliy“ („Berührbarkeit“) und „space“ (Raum) formuliert. Von besonderer Bedeutung für die aktuelle Ausstellung ist die intellektuelle Nähe der ineinander verschwimmenden monochromen Farbschleier, die auf die Multiforms der späten 1940er und frühen 1950er Jahre folgten, zur Malerei Giottos: Rothko zeigte sich fasziniert von dessen sowohl in den Wandmalereien wie auch in den Tafelbildern zum Ausdruck kommender Fähigkeit, Bildraum und Handlung allein anhand des Kolorits Tiefe und Spannung zu verleihen. Diese Fähigkeit entsprach Rothkos Definition von malerischer Plastizität in besonderer Weise: „In painting, plasticity is achieved by a sensation of a movement both into the canvas and out from the space anterior to the surface of the canvas”. Auf Giotto bezogen heißt dies: “…in the case of Giotto we perceive the feeling of weight and massive movement from the tactility of the form”. Und: “It is Giotto’s color however, that produced the great effect of his tactility”2. In der Tat besitzt Giottos kleinformatige Kreuzigung aufgrund ihrer intensiven Farbgebung Monumentalität und Plastizität. Und auch im Fall des Marientods sind es die changierenden Gewandfarben der Apostel, die in ihrer Staffelung in helle und dunkle Farbflächen dem Gemälde Tiefe verleihen.

Vergleichbare Entsprechungen finden sich auch auf inhaltlicher Ebene. Der Wiedergabe menschlicher Emotionen, denen im Werk Giottos besondere Bedeutung zukommt, stehen auf Seiten Rothkos Tragik, Ekstase und Untergang als immer wiederkehrende Bildthemen gegenüber: „The noble, the sublime are hollowed unless they hold, to the bursting paint a core of the wild. [...] And for the wild (the Dionysian) it represented the cry, the anguish, the ecstasy itself…“.3 Die Farbe stellte für Rothko in diesem Zusammenhang eine kommunikative Notwendigkeit dar, keinen Selbstzweck: „not color, but measures’ were of greatest importance“4. Die Faszination für die „mystische Intensität“ der Werke Fra Angelicos in der Abgeschlossenheit des Klosters San Marco dagegen erklärt sich durch die Auffassung Rothkos bezüglich der Relation zwischen Bild und Betrachter: „I believe that a painting can only communicate directly to a rare individual who happens to be in tune with it and the artist“5.

1 Giovanni Carandente, ,I tre viaggi italiani di Mark Rothko, in: Rothko, hg. v. Oliver Wick, Ausstellungskatalog Rom 2007 / 2008, S. 33-39.
2 Mark Rothko, The Artist’s Reality. Philosophies of Art, hg. v. Christopher Rothko, New Haven-London 2004, S. 47, 52, 59.
3 Oliver Wick, „Do they negate each other, modern and classical?” Mark Rothko und die Sehnsucht nach Tradition, in: Mark Rothko. Retrospektive, hg. v. Hubertus Gaßner u.a., Ausstellungskatalog München / Hamburg 2008, München 2008, Anm. 50, S. 27.
4 John Gage, Rothko: Color as Subject, in: Mark Rothko, Ausstellungskatalog Washington 1998, Washington D.C. 1998, S. 248.
5 Carandente 2007, S. 38. Zitat nach John Fischer, „The Easy Chair: Mark Rothko, Portrait of the Artist as an Angry Man, 1970, in: Mark Rothko, Writings on Art, hg. v. Miguel López- Remiro, New Haven-London 2006, S. 133.

Die Ausstellung versteht sich als Kontrapunkt zur bisherigen kunsthistorischen Diskussion, die das Werk Rothkos in eine Entwicklungslinie mit der deutschen Romantik, dem französischen Impressionismus oder dem Surrealismus stellte. In der Tat beeindruckten die Ausstellungen der Surrealisten in New York (Fantastic Art, Dada and Surrealism, The Metropolitan Museum of Art, 1936/37) und die Werkausstellungen Pierre Bonnards (1946 und 1948) Mark Rothko nachhaltig. Mit dem Roten Studio von Henri Matisse, das er unmittelbar nach dessen Erwerbung 1949 im Museum of Modern Art sah, befaßte er sich nach eigenen Angaben monatelang (Mark Rothko, Hommage a Matisse, 1954, Öl auf Leinwand, The Edward R. Broida Trust). Und doch gilt es weitere Aspekte der Auseinandersetzung dieses vielseitigen, oftmals rätselhaften Künstlers mit der Kunstgeschichte zu berücksichtigen. Zu diesen Aspekten zählen die Kenntnis und die Wertschätzung der spätmittelalterlichen Malerei Italiens, die erst seit der Publikation des Textes The Artist’s Reality in ihrer vollen Tragweite für das Werk Rothkos erfassbar sind. Für diesen neuen Forschungsansatz steht die Ausstellung „Die Berührbarkeit des Bildes“ in paradigmatischer Weise.

Text: Katharina Christa Schüppel

Die Ausstellung wird von Dr. Stefan Weppelmann kuratiert. Sie ist eine Kooperation der Gemäldegalerie mit dem Kunsthistorischen Institut in Florenz (Max-Planck-Institut) und der Sammlung Daimler Contemporary, Berlin. Die Ausstellung eröffnet am 5. Februar 2009 mit dem Studientag „Die Realität des Künstlers / The Artist’s Reality“ in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Institut in Florenz, dem Italienischen Kulturinstitut in Berlin und Daimler Contemporary. Es sprechen Beat Wyss (Karlsruhe), David Anfam (London), Riccardo Venturi (Rom) und Christopher Rothko (New York).

Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Hirmer Verlag, der jedoch zur Eröffnung erst auszugsweise vorliegt. Die Publikation erforscht Mark Rothkos (1903–1970) faszinierende Beziehungen zur Kunst Giottos (1264–1334) und legt diese in einer facettenreichen Gegenüberstellung von Hauptwerken beider Meister dar. Herausgegeben von Stefan Weppelmann, Gerhard Wolf, ca. 192 Seiten, ca. 80 Abbildungen in Farbe, 1 Klapptafel, 27,5 x 28 cm. Gebunden, ca. € 34,90[D] /€ 35,90[A] /SFr 59,–. ISBN 978-3-7774-8025-1

Eintritt in die Gemäldegalerie: 8,–/4,– €; ab 18 Uhr freier Eintritt.

Adresse:
Staatliche Museen zu Berlin
Genthiner Str. 38
10785 Berlin
Kontakt:
Telefon: 030 / 266 2695, Fax: 030 / 266 2161
E-Mail: akademie@smb.spk-berlin.de